Der Küster, der ein Mörder ist

Als Küster in der Kirche der Justizvollzugsanstalt Werl versucht Werner M., sich auf ein Leben nach dem Gefängnis vorzubereiten. Fotos: Hans-Albert Limbrock

Gott hinter Gittern: Auch der Kirchenraum in der JVA befindet sich hinter gesicherten Türen.

Morgendliches Ritual: Vor Dienstbeginn zündet der Küster eine Kerze an.

Werl. DU. SOLLST.  NICHT.  TÖTEN: Der 23. Mai 2007 war ein heiterer Frühlingstag. Werner M. (Namen von der Redaktion  geändert)  hatte seiner Freundin noch einen Kuss auf die Wange gedrückt und dann frühmorgens das Haus in einem kleinen Münsterländer Dorf verlassen. Draußen wartete bereits sein Kumpel Timo K.  in einem dunklen Van mit laufendem Motor.

Dass der gelernte Installateur nur wenige Stunden später als Mörder in sein Haus zurückkehren würde, war so nicht geplant. Sagt Werner M. Zehn Jahre nach der Tat. „Ich wollte den doch nicht abknallen. Ein bisschen Angst einjagen. Ja, das vielleicht. Mir Respekt verschaffen. Mehr doch nicht.“

Ein bisschen Respekt verschaffen? Warum man dazu unbedingt eine geladene Pistole einstecken und fünfmal auf einen Menschen schießen muss, der völlig wehrlos hinter seinem Schreibtisch sitzt – nein, darauf hat Werner M. auch nach zehnjähriger Haft keine wirklich befriedigende Erklärung. Wie auch? Schließlich war die Auseinandersetzung, die den tödlichen Schüssen vorangegangen war, eher harmlos. Eigentlich harmlos.

Eigentlich. Aber in der Männerwelt, in der sich Werner M. damals bewegt und die geprägt ist von einer kruden Mixtur aus Ehre, Kameradschaft, Machogehabe und Mut, ist nichts wirklich harmlos. Vor allem nicht, wenn man provoziert wird. „Dann wurde sich auch schon einmal richtig geboxt“, sagt der Mann mit den kurzen Haaren und den tätowierten Armen. Aber am 23. Mai 2007 hat er nicht geboxt, sondern die Waffe gezogen und abgedrückt: Peng! Peng! Peng! Peng! Peng! Mindestens zwei Treffer waren tödlich, hat der Gerichtsmediziner im Prozess ausgesagt.

„Das ist völlig aus dem Ruder gelaufen. Ich weiß gar nicht mehr, was da genau abgelaufen ist.“ Dass er geschossen hat, daran kann er sich erinnern. Dass er den 45jährigen Fahrzeughändler getroffen hat, das will er nicht wirklich realisiert haben. „Irgendwie war das alles wie im Film. Alles ging so rasend schnell.“

Erst später, als er wieder zuhause war, hat er im Radio gehört, dass der Mann, auf den er geschossen hat, tot ist. „Das war ein furchtbarer Schock. Ich habe mich immer wieder gefragt, warum das derart eskaliert ist? Warum ich überhaupt diese verfluchte Pistole eingesteckt habe?“

Fast zehn Jahre sitzt Werner M. bereits in Haft. 2022 wird das erste Mal überprüft, ob er wieder in die Freiheit darf. Das ist bei zu lebenslanger Haft Verurteilten nach 15 Jahren Freiheitsstrafe so üblich. Werner M. rechnet nicht damit, dann schon das Gefängnis verlassen zu dürfen: „Vielleicht bekomme ich drei oder fünf Jahre später die Chance.“

Werner M. sitzt in seinem dunklen Trainingsanzug in der Sakristei der Gefängniskirche in Werl. Wenn es so etwas wie einen Lieblingsort in einem Gefängnis geben kann, dann ist das für den Häftling, der seit einigen Monaten als Küster arbeitet, die Kirche mit ihren Nebenräumen.

Er hat lange mit sich ringen müssen, bis er zu diesem Gespräch für die UK bereit war. Denn am liebsten möchte er jede Erinnerung an den blutigen Maitag vor fast zehn Jahren und an die spätere Gerichtsverhandlung im Sommer 2008 wegschließen. Einfach vergessen. Nicht mehr dran erinnert werden, dass sein bis dahin so geordnetes Leben von jetzt auf gleich völlig auf den Kopf gestellt wurde.

„Bis zu dem Tag war alles ok“, sagt Werner M. „Ich hatte eine gute Arbeit, eine Freundin, mit der ich schon elf Jahre in einer festen Beziehung war. Wir sind viel gereist. Haben die halbe Welt gesehen.“ In Europa, so sagt der heute 45-Jährige, gibt es fast kein Land, das er nicht schon gesehen hat. Dazu Amerika. Immer wieder Amerika. Ein perfektes Leben.

„Das fehlt mir im Knast am meisten: das Reisen. Einfach aufzubrechen und irgendwohin zu fahren. Deshalb werde ich mit dem Eingesperrtsein  auch nur schwer fertig.“

Die einzige „Fluchtmöglichkeit“, die er in der Justizvollzugsanstalt Werl hat, in der über 100 Lebenslängliche „einsitzen“ , ist die in „seine Kirche“. Diese Flucht beginnt jeden Morgen um 6.10 Uhr, wenn der Wärter zunächst die Zelle Nummer 212 und dann die Kirche aufschließt.

Der „Haftraum“  (Werner M.: „Ich mag den Ausdruck Zelle nicht“) liegt direkt neben der Gefängniskirche. Meist verbringt Werner M. den kompletten Tag in dem Gotteshaus; für den Küster gibt es dort immer was zu tun: „Ich liebe diese Atmosphäre – vor allem frühmorgens, wenn ich noch alleine bin. Es ist dann unglaublich friedlich hier.“

Dann nimmt er sich einen Stuhl, zündet eine Kerze an und setzt sich direkt vor den Altar. „Dort komme ich zur Ruhe. Dort kann ich mit Gott reden.“

In seinem „anderen Leben“ war Werner M. nicht unbedingt das, was man einen überzeugten Christen nennt. „Und trotzdem hatte Religion für mich schon immer eine gewisse Bedeutung.“ Aufgewachsen ist er in einem Beamtenhaushalt in einem kleinen Dorf in Niedersachsen. „Der Pfarrer in unserem Dorf ist  jemand, den man achtet. Kirche ist dort eine Institution. Eben etwas ganz Besonderes.“

Dieses Besondere hat er im Knast praktisch wieder entdeckt. Mehr noch. „Ich weiß nicht, ob ich die letzten Jahre ohne meinen Glauben überlebt hätte.“ Im Gebet und im Zwiegespräch mit Gott hat er die nötige Kraft gefunden, die Strafe zu akzeptieren, aber auch sein bisheriges Leben zu reflektieren. „Irgendwie war da immer einer da. Es gab da immer dieses unglaubliche Gefühl, dass jemand trotz aller Schuld, die ich auf mich geladen habe, zu mir hält.“

Dieses Gefühl wurde in ungezählten Gesprächen mit den beiden evangelischen Gefängnisseelsorgern Adrian Tillmanns und Dr. Rolf Stieber noch verstärkt. „Sie haben mir das Gefühl gegeben, dass ich nicht alleine bin.“

Nur eines konnten auch die beiden Seelsorger ihrem Küster nicht nehmen: Das Gefühl von Schuld. „Ich habe viel Schuld auf mich geladen und ich weiß, dass das auch mit dem Ende der Haft nicht vorbei sein wird. Das wird ewig bleiben.“

Schließlich, so der Küster, habe er einer Frau den Ehemann und zwei kleinen Kindern den geliebten Vater  genommen: „Ich wünsche mir nichts so sehr, als dass ich das ungeschehen machen könnte. Aber natürlich weiß ich, dass das nicht geht. Mit dieser Schuld muss ich leben.“

Seinem alten Leben hat er inzwischen abgeschworen. „Dorthin kann es für mich kein Zurück mehr geben.“ Zwar hält seine Familie, seine beiden Schwestern und die Eltern, auch im Gefängnis zu ihm – aber Freunde? Nein, die gibt es draußen nicht mehr. Auch die Beziehung zu seiner Freundin ist schon lange beendet.

Was nach der Haft kommt? „Ich möchte nach meiner Entlassung gerne in ein Kloster eintreten, mich mit meiner Arbeit einbringen und die Ruhe und den Frieden finden, die ich hier in Werl in der Kirche habe“, hat Werner M. konkrete Zukunftspläne.

Die Gefängnisseelsorger, die ihn begleiten, unterstützen ihn bei diesen Plänen. Für Pfarrer Adrian Tillmanns, der schon seit fast zwanzig Jahren in der Gefängnisseelsorge arbeitet und mit den unglaublichsten Lebensgeschichten konfrontiert worden ist, hat auch ein verurteilter Mörder eine zweite Chance verdient: „ Uns steht darüber kein Urteil zu, ob Gott jemandem vergibt. Wir sollten uns vielmehr bemühen, in jedem Menschen - auch in dem, der sehr viel Leid über andere gebracht hat - einen von Gott geliebten Menschen zu erkennen. So schwer das im Einzelfall auch sein mag.“

 

 

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