Gegen die Sprachlosigkeit

Hospizbewegung zeigt Suizid-Ausstellung in der Wiesenkirche

Ulrich Rikus, Dr. Frank Will, Susanne Christ, Heike Welck, Inga Schubert-Hartmann, Wiese-Pfarrer Kai Hegemann und Dr. Franziska Dokter. Foto: Klaus Bunte

Soest. Früher sei auch offiziell noch die Rede von Selbstmord gewesen. „Doch Mörder ist, wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, einen Menschen tötet“, zitiert Dr. Franziska Dokter das Strafgesetzbuch. Aber von derlei Motiven könne schließlich nicht die Rede sein bei einem Suizid – dem heute gebräuchlichen Begriff.

Dennoch werde dieses Thema nach wie vor gerne tabuisiert – mit weitreichenden Folgen. Als ein Mittel dagegen hat der bundesweite Verein Agus (die Abkürzung für „Angehörige um Suizid“) die Wanderausstellung „Suizid – keine Trauer wie jede andere“ zusammengestellt. Sie besteht aus große Schautafeln, die nun für zwei Wochen in der Soester Wiesenkirche zu sehen sind, und werden hier ergänzt durch passende Kunstwerke, die der Kunstverein Kreis Soest dazu aus seiner Artothek ausgewählt hat.

Am vergangenen Wochenende wurde die Schau eröffnet – musikalisch von Musikschulleiter Ulrich Rikus am Cello und Wortbeiträgen von Vertretern von Agus wie auch der Soester Hospizbewegung, die die Schau nach Soest geholt hat. Zu den Gründen dafür sprachen zwei ihrer Vertreter, die eingangs zitierte Dr. Franziska Dokter und Heike Welck.

Dokter ging zunächst auf historische Aspekte ein, darauf, dass die Kirche den Suizid lange als Sünde erachtet habe, mit dem Argument „Was Gott gegeben hat, darf der Mensch nicht wegnehmen“, und sie „Selbstmördern“ daher lange ein christliches Begräbnis verwehrt habe.

„Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ging es immer noch weiter um die Frage nach dem Schuldigen, was den Hinterbliebenen von außen Schuldgefühle auferlegte“, so Dokter weiter. Erst in jüngster Zeit habe sich auch hier der Blick gewandelt. Heute werde der Suizid als selbst gewählte und bewusste Entscheidung gesehen: „Wir können solche Lebenswege oft nicht gutheißen, aber wir müssen eine solche Entscheidung respektieren, den Hinterbliebenen aufmerksam zuhören, ihnen Respekt und Mitgefühl zeigen.“

Da diese Entscheidung oft vor dem Hintergrund schwerer, nicht heilbarer Erkrankungen gefällt werde, sei gerade unter älteren Menschen die Selbstmordrate signifikant hoch, berichtete Heike Welck. Die Fortschritte in der Palliativmedizin und der Ausbau der Hospize, somit also auch dem Erhalt der Lebensqualität unter erschwerten Bedingungen, hätten jedoch zu einer Reduzierung geführt – sie seien somit eine Art Suizid-Prävention.

„Doch in unsere Gesellschaft ist wenig Platz für Trauer“, so Welck weiter. Dabei sei auch bei den Angehörigen Sterbender der Gesprächsbedarf sehr hoch, „denn Trauer setzt hier schon vor dem Tod ein. Doch wie plötzlich dagegen trifft die Hinterbliebenen die Trauer nach einem Suizid – oft erst Tage danach.“

Schon die Angehörigen eines Schwerstkranken quälten sich mit der Frage, ob sie nicht etwas hätten tun können, jene eines Suizidenten dagegen treffe diese Frage „mit voller Wucht“. Diese Ausstellung helfe, die Situation der Angehörigen zu verstehen und Vorurteile abzubauen, so Welck weiter, „sie mutet uns zwar viel zu, doch das Leben fragt uns auch nicht, was es uns zumuten kann.“

Inga Schubert-Hartmann, Vorsitzende des Kunstvereins, die als Schirmherrin gemeinsam mit Dr. Dokter und ihrem Vorstands-Kollegen Günter Reichart passende Bilder aus der Artothek zur Verfügung gestellt hatte, erinnerte sich an Todesfälle im eigenen Umfeld sowie den Umgang damit  und kam zum Schluss: „Jede Form der Trauer hat ihre Berechtigung – und es ist gut, wenn sie zur Kommunikation führt.“

Dr. Frank Will sprach für Agus. Seine Lebensgefährtin Susanne Christ verlor vor drei Jahren ihre Tochter durch deren Suizid. „Auf die Frage nach dem Warum erhält man nie eine Antwort, und doch hört diese Suche nie auf“, so Will, „und man fragt sich, wie das eigene Leben eigentlich weitergehen soll.“

Vor diesem tragischen Ereignis habe auch er sich nie sonderlich mit dem Thema auseinandergesetzt: „Dass jährlich allein in Deutschland 10.000 Menschen durch Suizid sterben, mehr als durch Verkehrsunfälle, Drogen, Aids und Gewalttaten zusammen, hätte ich mir vorher nicht vorstellen können. Warum? Weil darüber nicht gesprochen wird.“

Man sei gelähmt von der Sprachlosigkeit – dagegen soll auch diese Ausstellung eine Maßnahme sein. Susanne Christ leitet mittlerweile in Neheim eine der insgesamt 60 Agus-Selbsthilfegruppen, es ist die nächste zum Kreis Soest. Will schließt: „Und wenn Sie einen Suizidhinterbliebenen mal fröhlich erleben, er vielleicht sogar lacht, dann verurteilen Sie ihn nicht, sagen Sie nicht, er habe gefälligst zu trauern, sondern freuen sich für ihn dafür, dass er es bis dahin geschafft hat.“

Am Sonntag, 15. Oktober, findet um 16 Uhr in der Wiesenkirche ein Gedenk-Gottesdienst für alle statt, die einen Menschen durch Suizid verloren haben. Den Gottesdienst leiten Notfallseelsorger Sven Fröhlich und der katholische Theologe Gregor Wennekamp.

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