Wenn Trauer übermächtig wird

"Sommerland" hilft Kindern und Jugendlichen, die einen geliebten Menschen verloren haben

Der Wunschstein gehört zu den Materialien, die Maria Wulfinghoff (links) und Anna Möllenberg in Gesprächen mit Jugendlichen wie Marc und Katrin einsetzen. Foto: Hans-Albert Limbrock

Regelmäßig bilden sich die Mitarbeiter von Sommerland in Fortbildungen weiter.

Soest.  Erst kommt die Verzweiflung, die Ratlosigkeit. Manchmal sogar die Wut; die Wut auf alles, auf jeden, auf sich selbst. Und zuletzt kommt die große Leere und immer wieder die Frage nach dem Warum?

Wer einen geliebten Menschen verliert, wird häufig buchstäblich aus der Bahn geworfen.  Vor allem Kinder und Jugendliche erleben durch den Tod noch einmal eine ganze besondere Dimension des Verlustes. Eine Dimension, auf die sie nicht vorbereitet werden. Weder in der Schule noch durch das Elternhaus und auch nicht durch die Schule des Lebens.

Viele junge Menschen verzweifeln dann, ziehen sich zurück, kommen mit dem Leben nicht mehr klar. Da ist es gut und hilfreich, dass es die Gruppe „Sommerland“ der Diakonie gibt. Hier erfahren Kinder und Jugendliche Hilfe und Unterstützung bei der Trauerarbeit. Hier wird ihnen der Weg zurück ins Leben gezeigt.

Schon seit 2005 gibt es dieses Angebot. Zwischendurch gab es aus personellen Gründen eine viermonatige Pause. Seit 2015 ist Sommerland wieder am Start. Maria Wulfinghoff, die die Leitung beider Gruppen hat, zur Historie von „Sommerland“: „Wir haben uns bei der Diakonie schon immer um Menschen gekümmert, die sich in einer Trauerbewältigung befinden. Irgendwann haben wir uns gefragt: Was ist denn eigentlich mit Kindern und Jugendlichen? Die brauchen doch auch eine Anlaufstelle?“

Seitdem existiert eine Gruppe für Kinder im Alter von 5 bis 13 Jahren und eine für Jugendliche. Bei akuten Fällen gibt es zudem erst einmal das Angebot von Einzelgesprächen. Wulfinghoff: „Entscheidend ist, dass wir gemeinsam den richtigen Weg finden.“

Marc ist 15 und hat es dank Sommerland geschafft, diesen richtigen Weg zu finden. Als vor etwas mehr als einem Jahr sein Vater plötzlich verstarb, hat der junge Soester nicht gewusst, wie es weitergehen soll. „Ich bin mit seinem Tod nicht fertig geworden; habe alles nur noch in mich hineingefressen und mich vollkommen isoliert.“

Ähnlich die Erfahrung von Katrin. Innerhalb weniger Jahre hat sie den Verlust ihres Vaters (2013) und ihrer Mutter (2015) verkraften müssen. Eine Patentante hat ihr dann von Sommerland erzählt. Seit knapp zwei Jahren kommt die inzwischen 19-Jährige regelmäßig zu den Treffen, die alle vierzehn Tage stattfinden.  „In der Gruppe spürt man, dass man mit seinen Problemen nicht allein ist. Das hilft ungemein.“

Knapp zweieinhalb Stunden dauern die Treffen jeweils. Über den Ablauf berichtet Anna Möllenberg, Leiterin der Jugendgruppe: „Zunächst bereiten wir gemeinsam einen kleinen Snack vor. Danach wird die Sommerland-Kerze angezündet. Das ist ein festes Ritual. Anschließend berichten die Jugendlichen aus ihrem Alltag, wie sie die vergangenen zwei Wochen erlebt haben, wo es zum Beispiel Probleme gegeben hat. Wo sie mit ihrer Trauer konfrontiert worden sind und was das mit ihnen gemacht hat.“

Häufig wird auch das Instrument der „Traumreise“ eingesetzt. Möllenberg: „Die Traumreise dient der Körperentspannung. Man geht gedanklich auf Reisen zu Orten und Momenten, die man als schön in der Erinnerung hat.“

Wichtig ist aber auch die Aufarbeitung der Gefühle, mit denen man die Erinnerung an einen Verstorbenen verbindet. Das kann zwar mitunter ganz schön schmerzhaft sein, ist aber für die Trauerarbeit unerlässlich.

„Es geht darum“, so Maria Wulfinghoff, „sich an die Verstorbenen zu erinnern, ohne dass ständig die negativen und schmerzenden Gefühle überwiegen. Dieses versuchen wir, in vielen Gesprächen zu erreichen. Häufig ist es nämlich gar nicht so einfach, jemanden zu finden, mit dem man über seine Trauer und über seine Gefühle reden kann.“

Diese Erfahrung hat auch Katrin gemacht: „Nach dem Tod meiner Eltern hat mit mir kaum noch einer gesprochen. Ich habe überall eine allgemeine Hilflosigkeit gespürt. Es gab sicherlich einige Menschen, die mir gerne geholfen hätten, aber nicht wussten, wie sie das machen sollen. Deshalb haben sie dann häufig verlegen weggeschaut.“

Das ist in der Gruppe natürlich ganz anders. Hier versteht einer den anderen, hier kann man sich offen über seine Gefühle, seine Ängste und Sorgen austauschen. Das hilft ungemein. Maria Wulfinghoff: „Wir gehen dieses schwierige Thema ganz offen an. Wir können ja schließlich nicht so tun, als ob es den Tod nicht geben würde. Wenn man sich mit dem Thema auseinandersetzt, kann das sehr bereichernd sein. Man stellt dann irgendwann die wirklich wichtigen Fragen.“

Und Anna Möllenberg ergänzt: „Trauer ist ja schließlich keine Krankheit, aber sie kann krank machen. Deshalb ist es wichtig, dass man sich mit seiner Trauer und Traurigkeit auseinandersetzt.“ Unterstützt werden die drei hauptamtlichen Kräfte – Edda Rudat leitet die Kindergruppe – von insgesamt zehn Ehrenamtlichen, die sich zuvor in der Trauerbegleitung haben ausbilden lassen.

Informationen zu Sommerland gibt es unter: 02921/3620143.

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