Den Frieden gefunden

Bewegende Autorenlesung mit Hildegard Offele-Aden im Mehrgenerationenhaus

Sie veranstalteten einen informativen, interessanten Abend. Von links: Lisa Brinker (Violine), Ute Plath, Hildegard Offele-Aden, Reinhild Anemüller und Jaron Solbach (Violine). Foto: Rotraud Grün

Bad Sassendorf. „Das Herz hat seinen Frieden gefunden.“ Autorin Hildegard Offele-Aden klappte ihre Aufzeichnungen zu. Bis zu dieser Erkenntnis war es ein weiter Weg gewesen. Um es genau zu sagen: 1.133 Kilometer.  Die hat Familie W. - Mutter und vier Kinder - in den Kriegswirren 1944/45 von Königsberg bis nach Ahlen  zurückgelegt.

In einer Autorenlesung  im Sassendorfer Mehrgenerationenhaus  erzählte sie in großartiger  Authentizität vom Schicksal der Familie, die, wie viele andere Familien Schreckliches erlebt hat  und zwangsläufig ihre Heimat verlassen musste.

Die Besucher der Veranstaltung, zu der Ute Plath und Reinhild Anemüller eingeladen hatten, zeigten sich tief berührt und nachdenklich und können sich nun vielleicht besser in die Lage der heutigen Flüchtlinge versetzen, die aus Kriegsgebieten zu uns kommen um ebenfalls Frieden zu finden. „Diese Erlebnisse kenne ich sehr gut", flüsterte ein älterer Mann seiner Nachbarin leise zu. Er wirkte betroffen, die Erinnerungen an eine eigene schwere Zeit wurden plötzlich wieder lebendig.

Hildegard Offele-Aden schlüpfte in Erzählform in die zweite Tochter der Familie W., Ute. Erst ganz zum Schluss erfuhren die Zuhörer, wer sich hinter Ute W. verbarg. Es war die Mitorganisatorin des Abends,  Ute Plath, die ihre Lebensgeschichte anhand von Tagebuchaufzeichnungen und Interviews preisgegeben hatte. Für diese unverblümte Offenheit erhielt sie ebenso viel Beifall wie die Autorin. Musikalisch wurde Abend von Lisa Brinker und Jaron Solbach mit Violinenklängen begleitet.

Bevor der Krieg die Familie dazu zwang, ihre Heimat zu verlassen, erlebte sie viele schöne, unbeschwerte Jahre, machte regelmäßig Urlaub an der Ostsee. Der Einmarsch der Russen änderte alles. Bombenalarm, Aufenthalte in  Kellern - all das erlebte die Familie - Ute Plath war damals 6 Jahre alt, als ihre bis dahin heile Welt einen Knacks bekam. Ersten Evakuierungen folgte die Flucht.

Und immer wieder war es die Mutter - der Vater war im Krieg - die für ihre Familie das Beste herausholte und dafür sorgte, dass die Reise schließlich nach einem Aufenthalt in Pillau in Richtung Berlin ging. Sie nahm sogar noch eine Mutter mit zwei Kindern unter ihre Fittiche, sorgte dafür, dass auch sie weiterreisen konnten.

Es war eine lange und beschwerliche Reise in Güterwagen, die der Familie viel Kraft abverlangte, Tränen und Leid bescherte. Detailliert beschrieb die Autorin das Leben im Zug und später in Berlin. Neben all den schrecklichen Erlebnissen erfanden die Kinder immer wieder Möglichkeiten zum Spielen, bastelten sich aus Fundstücken Spielzeug zusammen.

Die Familie lernte  grausame aber auch freundliche und zuvorkommende Soldaten kennen. Nach turbulenten Zeiten ging die Fahrt schließlich weiter nach Westfalen. 1946 kam die Familie in Ahlen an. Kurze Zeit später stieß auch der Vater wieder zur Familie, arbeitete als Dolmetscher und verdiente recht gut. Langsam ging es wieder aufwärts.

Ein Erlebnis, das Ute Plath nie vergessen wird, waren die bunten Blumenteppiche, die am Fronleichnamstag die Straßen von Ahlen schmückten. Leicht hatte es die Familie zunächst  nicht, denn sie waren die ungeliebten Flüchtlinge.  Es wurde ein Haus gebaut, Ute Plath besuchte das Gymnasium, lernte den Beruf der Erzieherin. Ihr Lebensweg führte sie später nach Köln, sie heiratete bekam Kinder.

Die Heimat aber haben sie, ihre Geschwister und die Eltern nie vergessen. Ute Plath, die heute in Bad Sassendorf lebt, wünscht sich, dass die Erinnerungen an die schlimme Zeit eine Brücke zur Erfahrungswelt der zu uns gekommenen Menschen bilden. In Gesprächen, die sich im Anschluss an den Vortrag entwickelten, wurde deutlich, dass diesen Wunsch viele teilen.

Evangelischer Kirchenkreis Soest • Puppenstraße 3-5 • 59494 Soest • Telefon 02921 396-0 • info@kirchenkreis-soest.deImpressumDatenschutz