„Ein ewiger Drängler“ gegen die Not der Menschen

Abschied von Johannes Schäfer

Franz Müntefering und Verwaltungsratvorsitzende Annette Muhr-Nelson verabschieden Johannes Schäfer als Vorstand der Diakonie. (Foto: Ulrike Flaspöhler)

Soest - Ein Querdenker, kein Leisetreter. Konfliktbereit, fordernd, hart in der Sache, manchmal polarisierend für Menschen, die Hilfe brauchen. Die Freunde, Wegbegleiter, Mitstreiter und Mitarbeitende von Johannes Schäfer waren sich am Sonntag einig: Die Diakonie Ruhr-Hellweg verabschiedet nach mehr als 36 Jahren einen Vorstand in den Ruhestand, „der etwas anders ist als die anderen“.

Das bekam auch Franz Müntefering damals Bundestagsabgeordneter des Wahlkreises im Sauerland zu spüren, wo Schäfer Mitte der 70er-Jahre eine ganz neue Diakonie aufbaute. Der spätere SPD-Fraktionsvorsitzende und Bundesvorsitzende nahm häufiger an Dienstgesprächen der Diakonie teil. „Er war ein ewiger Drängler, hat schon richtig Dampf gemacht“, erinnerte er sich in seinem Grußwort beim Festempfang in der Soester Stadthalle. Die Ziele des jungen Diakonie-Vorstands reichten nach seiner Erinnerung vom Abenteuerspielplatz über den Kampf gegen die Atomkraft, Kinder, Familien und Senioren bis zur Rettung der Welt. Für dieses Engagement zolle er Dank und Respekt – auch den Mitarbeitenden der Diakonie. Denn: „Neben dem Sozialstaat ist die soziale Gesellschaft unverzichtbar“, so Müntefering. Und die brauche Mutmacher.

Johannes Schäfer war von Beginn an „anders als andere“, betonte die Vorsitzende des Verwaltungsrates der Diakonie Ruhr-Hellweg, Superintendentin Annette Muhr-Nelson, in ihrer Festrede. Geboren in China als Sohn eines Missionars trat er nach dem Theologiestudium „mit offenem Haar und runder Brille“ zum Vorstellungsgespräch bei der Diakonie an. Was er in Arnsberg vorfand, glich dem biblischen „Senfkorn“. Mit ungewöhnlichem Engagement etwa für die Boat People des Vietnam-Krieges war er stets „der Zeit weit voraus“ – aber auch „kritisch beäugt“. Johannes Schäfer habe bei allem, was er tat, persönlich für sein Credo eingestanden – und Hindernisse stets als Herausforderungen gesehen. Er forderte zu einer neuen Besinnung auf angesichts wegbrechender Arbeitsplätze, Familien, Nachbarschaften und einer Gesellschaft im Wandel. Einstehen für die auf dem Rückzug befindliche bürgerschaftliche Solidarität, damit sichtbar und glaubwürdig bleiben: „Das war er.“ Die Hoffnung und Gottvertrauen habe er „anderen tief ins Herz gepflanzt.“
An Schäfers bereichernde „Querdenkerfragen“ und seinen konfliktbereiten Einsatz für die Belange von Menschen in Not erinnerte Günther Barenhoff, Vorstand des Diakonie-Landesverbandes Rheinland-Westfalen-Lippe, in seinem Grußwort. „Mit seiner ganzheitlichen Kompetenz steht er für Diakoniker, von denen es nur noch wenige gibt“, betonte er.  Sehr persönliche und vor allem heitere Einblicke in die lange Amtszeit von Johannes Schäfer verrieten auch sechs langjährige Wegbegleiter während zweier Talkrunden. Der Superintendent des Kreises Soest, Hans König, betrachtete augenzwinkernd manches „Aneinandergeraten“ und eine „Ungeduld, die ich schätzen gelernt habe, weil daraus manches Gute entstanden ist“. Dr. Hans-Georg Schütz, Vorsitzender der früheren Diakonie von Westfalen, erinnerte sich an 14-seitige Vorträge über „Diakonie in der Diaspora“, Nischenentdeckungen und Nischenbesetzungen sowie eine bemerkenswerte Zurückhaltung von Schäfer, die jedoch urplötzlich „scharfzüngig, unkonventionell, innovativ und kritisch“ in angeregten Diskussionen gipfelte. „Ein junger interessanter Mann, aus dem kann was werden!“, soll daraufhin jemand prophezeit haben.
Zum Abschluss der Feierlichkeiten überreichte Johannes Schäfer symbolisch einen diakonie-blauen Schlüssel in Form des Kronenkreuzes der Diakonie an seinen Nachfolger Steffen Baumann.

Begonnen hatten die Feierlichkeiten, bei denen sich mehr als 300 Gäste von Johannes Schäfer verabschiedeten, mit einem feierlichen Gottesdienst in der Soester Wiesenkirche. Darin nahm Prof. Dr. Udo Krolzik, Direktor der Bundesakademie und Vorstand der Führungsakademie für Kirche und Diakonie in Berlin, in seiner Predigt Bezug auf einen von Schäfer selbst gewählten Text aus dem Lukasevangelium „von falschen und rechten Sorgen“. Sorgen, so Krolzik, gebe es aktuell mehr als genug. Auch die Diakonie müsse in der derzeitigen Wirtschaftskrise einsparen. Die Mitgliederzahlen der Kirchen gehen zurück, auf Haiti kämpfen Hunderttausende um ihr Leben, Minister fordern Einsparungen und Opfer, Kirchen werden geschlossen. Jeder finde andere Antworten auf diese Sorgengeister - mancher verzehre sich dabei, andere seien nie zufrieden. Jesus aber habe mit dem Verweis auf die Raben, die nicht säen und ernten, und auf die Lilien auf dem Felde deutlich gemacht: „Unsere Einzigartigkeit ist ein Geschenk von Anfang an“, so Krolzik. Ein Geschenk Gottes, das er beschütze. Der Humor Johannes Schäfers, der viele Sorgen für die Diakonie und auch privat schultern musste, sei „Ausdruck dafür, dass wir uns den Mehrwert des Lebens nicht erkämpfen müssen – er ist ein Geschenk Gottes“. Nur so könne man „Herz und Hände frei bekommen für die Menschen um uns herum“.

Superintendentin Annette Muhr-Nelson, Vorsitzende des Verwaltungsrates, segnete abschließend Johannes Schäfer. Der Gottesdienst war von Bläsern der Ev. Kirchenkreise Soest und Arnsberg sowie vom Projektchor des Ev. Kirchenkreises Arnsberg und dem Hammer Superintendenten Rüdiger Schuch als Liturg festlich begleitet worden.

Evangelischer Kirchenkreis Soest • Puppenstraße 3-5 • 59494 Soest • Telefon 02921 396-0 • info@kirchenkreis-soest.deImpressumDatenschutz