Ein Leben für Glocken

Der Sachverständige Claus Peter hat weit über 1000 Glocken untersucht

Er kennt sie alle: Claus Peter, der Glockensachverständige der Evangelischen Landeskirche, hat deutlich über 1000 Glocken allein in Westfalen untersucht. Foto: Hans-Albert Limbrock

Soest/Hamm. Die Bezeichnung ist irreführend. Total irreführend: Glockensachverständiger. Als ob Glocken eine Sache wären. Niemals! Glocken sind sein Leben. Schon als Kind war Claus Peter, der in Bamberg aufgewachsen ist, vom Klang der Glocken in seiner Heimatstadt Bamberg fasziniert. „Ich bin mit Glockengeläut groß geworden.“

Als die Familie dann in den 60er Jahren nach Westfalen umgezogen ist, ist er seiner Leidenschaft treu geblieben. Mehr noch: Er hat sie ausgebaut und schließlich auf ein Niveau gehoben, das ihn anerkanntermaßen zu dem Glockensachverständigen schlechthin gemacht hat. Bundesweit. Doch der Reihe nach.

Wir haben uns an der St. Victor-Kirche in Hamm-Herringen getroffen. Hier ist ein Glocken-Ensemble  im Kirchturm, das Peter besonders zu schätzen weiß. Dank seiner Expertise ist es erst vor kurzer Zeit überholt und ergänzt worden: „Jetzt hat die Kirche ein sehr harmonisches Geläut aus alten und jungen Glocken.“ Wobei alt in diesem Fall wirklich alt meint: Die älteste der fünf Glocken stammt aus dem 13. Jahrhundert.

Kirchenglocken haben die unangenehme Eigenschaft, dass sie in der Regel oben in einem Turm hängen. Ziemlich oben. Für einen Menschen wie mich mit traumatisch geprägter Höhenangst eine echte Herausforderung. Da tut es gut, dass Claus Peter, der behände wie ein Eichhörnchen vor mir die Treppen und Leitern hochhuscht, verkündet, dass der Aufgang in den Turm von St. Victor zu den besonders sicheren und gut zugänglichen gehört.

„Es gibt in vielen Kirchtürmen erschreckend große Sicherheitsmängel. Aber hier ist alles in Ordnung.“  Das ist ja beruhigend, denke ich, während ich den letzten steilen Anstieg in Angriff nehme. „Glockenpeter“, wie er von allen nur respektvoll genannt wird, ist längst durch eine schießschartengroße Maueröffnung im Turm verschwunden. Den Rucksack mit der Fotoausrüstung muss ich abnehmen und mich rückwärts auf allen Vieren in den Glockenturm zwängen.

Drinnen – oder ist es eigentlich nicht draußen? – empfängt uns ein diffuses Zwielicht, in dem aufgewirbelter Staub zum Tanz bittet. Die drei Fensteröffnungen sind mit Bretterverschlägen zum Schutz vor Tauben verschlossen.

Hier oben ist der 71-Jährige in seinem Element. Und er beginnt zu erzählen: Während des Lehramtsstudiums  in Dortmund – Schwerpunkt Musik - hat ihn sein Professor ermuntert,  seine Abschlussarbeit über das Thema „Glocken“ zu schreiben: „Ich weiß bis heute nicht, warum der das vorgeschlagen hat.“

Für Claus Peter war diese Arbeit der Einstieg in die wissenschaftliche Welt der Glocken und der erste Schritt, sich einen außergewöhnlichen Ruf zu erwerben. Bereits 1975 wurde er vom Landesamt für Denkmalpflege beauftragt, eine wissenschaftliche Bestandserhebung der historischen Glocken und Turmuhren vorzunehmen. Turmuhren? „Ja, das ist meine zweite Leidenschaft“, schmunzelt er. „Diese ausgeklügelte Technik und Mechanik fasziniert mich.“

Diese Bestandserhebung ist eine echte Mammutaufgabe; es gilt, allein über 1000 Glocken zu begutachten. Eine Aufgabe, die der inzwischen Lehrer nebenbei in seiner Freizeit erledigt hat. „Alle Versuche des Landeskonservators, mich vom Schuldienst loszueisen, sind gescheitert. Die Schulbehörde hat mich nicht gehen lassen. Ich habe den Riesenberg an Arbeit also nebenbei erledigt.“

Und dieser Berg wurde ständig größer. 1988 nämlich wurde die Landeskirche auf den Experten aus Hamm aufmerksam und bot ihm an, künftig als Glockensachverständiger für sie zu arbeiten. Natürlich nebenbei. Und nach der Grenzöffnung kam Mecklenburg-Vorpommern noch als neues Aufgabengebiet dazu: „Diese Freiheit habe ich mir genommen, weil mich die Kirchen dort unwahrscheinlich gereizt haben. Rückblickend frage ich mich manchmal aber schon, wie ich das alles geschafft und bewältigt habe.“

An dieser Stelle muss die Frage erlaubt sein, was einen Menschen umtreibt, sich in oft schwindelerregende Höhe zu begeben, sich über wacklige Leitern und schmale Bretter, durch Spinnweben und Taubendreck zu bewegen, um eine Glocke zu begutachten, die dort schon seit Jahrhunderten hängt?

Jetzt wird der Gesichtsausdruck von Claus Peter schwärmerisch: „Ja, ich weiß, das ist für Außenstehende schwierig zu verstehen. Eine Glocke ist schließlich ein Instrument; ein jahrhundertealtes Originalinstrument. Für mich ist das jedes Mal eine faszinierende Zeitreise.  Eine Zeitreise, die mich Jahrhunderte zurückführt.“ Und gleichzeitig immer auch wieder eine Reise zurück in Gegenwart und Zukunft. Denn jede Begutachtung, jede Expertise, die Peter erstellt, hat letztlich nur ein Ziel: Aufzuzeigen, wie eine Glockenanlage für die Gegenwart optimiert und für die Zukunft erhalten werden kann.

„Gott sei Dank sind in dieser Beziehung bei vielen Kirchengemeinden Sensibilität und Verständnis in den letzten Jahren gewachsen“, freut er sich, dass sein von viel Empathie geprägtes Engagement  als Überzeugungstäter bei den Kirchengemeinden langsam aber sicher Früchte trägt: „Es hat ein deutliches Umdenken stattgefunden. Es ist dadurch auch gelungen, exzessive Bestandsverluste zu verhindern. Inzwischen weiß man in der Regel zu schätzen, welchen Schatz man oft in den Kirchtürmen hat. Ein schönes Geläut gehört zu einer Kirchengemeinde schließlich dazu wie die Bibel auf dem Altar.“

Inzwischen ist es kurz vor 12 Uhr in Herringen. „Jetzt wir es gleich ein bisschen laut“, warnt Peter und hält sich vorsorglich schon einmal die Ohren zu. Dabei sind es nur die kleinen Glocken, die hell und klar verkünden, dass es nun Mittag ist. Der letzte Ton hallt noch im Turm nach, da ist er bereits unter eine der beiden großen Glocken gekrochen und leuchtet mit einer Lampe in den bronzenen Hohlkörper hinein. Wenn man schon einmal hier oben ist, kann man den betagten „Patienten“ ja auch gleich mal zur Sprechstunde bitten: „Alles gut“, diagnostiziert er, nachdem er die Stimmgabel angelegt hat.

Vor inzwischen elf Jahren hat Peter seiner Passion den Doktorhut aufgesetzt und promoviert: „Vorher war einfach keine Zeit dazu“, erklärt er fast schon entschuldigend. „Das konnte ich erst im Ruhestand machen.“ Wieder so ein Wort, das völlig irreführend ist, denn wenn Claus Peter eines ganz bestimmt nicht kennt, dann ist es Ruhestand.

Obwohl – so langsam macht auch er sich Gedanken, wie lange er das noch machen kann: „Ich werde ja auch nicht jünger. Es wäre schon zu wünschen, dass ich langsam einen Nachfolger bekomme.“  Was muss man denn mitbringen, wenn man Glockensachverständiger werden möchte?, frage ich.

Peter überlegt kurz, bläst die Backen auf: „Leidenschaft und Fachwissen. Das ist natürlich alles sehr komplex und vielschichtig.“

Grundvoraussetzung seien natürlich selbstverständlich musikalische Kenntnisse. Und in Kunstgeschichte müsse man bewandert sein (was noch leicht untertrieben ist). Zudem brauche es Gespür und Verständnis für technische Zusammenhänge. „Das muss ja alles passen und miteinander harmonieren. Dazu muss man mit einem Zimmermann, der zum Beispiel an einem Glockenstuhl arbeiten soll, ebenso auf Augenhöhe reden können, um Anweisungen zu geben, wie mit einem Bauingenieur, der die Schwingungen der Glocken berechnet.“ Und dann ist da noch die Beratung der Gemeinden bei der Läuteordnung: „Da liegt der Schwerpunkt darauf, die oft alten Glocken in die Liturgie der heutigen Zeit einzubauen.“

Angesichts einer solchen Beschreibung möchte man der Landeskirche in Westfalen und Mecklenburg-Vorpommern viel Erfolg bei der Suche wünschen. Aber zum Glück hat „Glockenpeter“ abschließend noch eine gute Botschaft parat: „Noch macht mir diese Arbeit viel Spaß. Und so lange das der Fall ist…“ Der Satz bleibt unvollendet.

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